2007 - Süd­ost­asi­en

Ursprüng­lich stand Japan auf dem Tour­plan, Wunschrei­se­ziel des Jugend­Jazz­Or­che­sters NRW seit vie­len Jah­ren. Das ‘Deutsch­land­jahr 2005/2006’ wäre eine will­kom­me­ne Gele­gen­heit gewe­sen, die Band dort inner­halb des Kul­tur­rah­men­pro­gramms auf­tre­ten zu las­sen; ein Lan­des­en­sem­ble eines ande­ren Bun­des­lan­des erhielt den Zuschlag.

Die Geschäfts­füh­rung des Orche­sters bemüh­te sich dar­auf­hin um Kon­tak­te nach Viet­nam und Thai­land. Das Goe­the-Insti­tut in Hanoi unter Lei­tung von Dr. Franz Xaver Augu­stin war es, das letzt­lich das Orche­ster aus Anlass der ‘Deut­schen Kul­tur­wo­chen in Viet­nam’ zu meh­re­ren Kon­zer­ten ein­lud. Unter sei­ner Feder­füh­rung konn­ten die Goe­the-Depen­dan­cen in Jakar­ta, Ban­dung und Kuala Lum­pur hin­zu­ge­won­nen wer­den, die ihrer­seits Kon­zer­te orga­ni­sier­ten. Einen beson­de­ren Reiz erhielt die Tour durch einen Auf­ent­halt in Kam­bo­dscha, der eben­falls auf Ver­mitt­lung Dr. Augu­stins zustan­de kam. Hier über­nahm der Direk­tor des ‘Meta House Art Cen­ter’ in Phnom Penh die Betreu­ung.

So nahm die Tour­nee, die vom 01.-22. April 2007 statt­fand, fol­gen­den Ver­lauf:

Jakar­ta und Ban­dung (Indo­ne­si­en), Kuala Lum­pur (Malay­sia), Siem Reap und Phnom Penh (Kam­bo­dscha), Sai­gon, Da Nang, Hoi An, Hanoi (Viet­nam). 8 Flüge waren zu absol­vie­ren, 12 Kon­zer­te und Work­shops stan­den auf dem Pro­gramm, ein neues Lei­tungs­team muss­te sich bewäh­ren, ein Kame­ra­team beglei­te­te das Orche­ster. Die Reise wurde mit Mit­teln des Goe­the-Insti­tuts und des Mini­ster­prä­si­den­ten des Lan­des NRW geför­dert.

Nach ein­wö­chi­ger Vor­be­rei­tung in der Aka­de­mie Rem­scheid star­tet die 26-köp­fi­ge Band unter der künst­le­ri­schen Lei­tung von Frank Reins­ha­gen, Elmar Frey und Marko Lack­ner zu ihrer ersten Sta­ti­on. 11 Stun­den non­stop nach Kuala Lum­pur, Umstei­gen nach Jakar­ta, unbe­merkt wird der Äqua­tor über­flo­gen. Die Haupt­stadt Indo­ne­si­ens emp­fängt das Orche­ster mit tro­pi­schen Tem­pe­ra­tu­ren und hoher Luft­feuch­tig­keit. Die Luft­ver­schmut­zung ist enorm. Frau Dr. Marla Stu­ken­berg, Lei­te­rin der Pro­gramm­ab­tei­lung des Goe­the-Insti­tuts, orga­ni­siert den Auf­ent­halt vor Ort. Tags dar­auf ist eine Stadt­rund­fahrt ange­setzt: ein­ge­ne­belt in Abga­se aus Zwei­takt­mo­to­ren erlebt die Band auf meh­re­re Kabi­nen­rol­ler ver­teilt haut­nah das Ver­kehrs­cha­os der Stadt. Der Rund­blick vom Natio­nal­denk­mal (Monas) lässt die enor­me Aus­deh­nung der 17.000.000-Metropole erah­nen. Abends fin­det das erste Kon­zert der Tour im voll­be­setz­ten Saal des Goe­the-Insti­tuts statt, einer Oase inmit­ten der feucht­hei­ßen und sticki­gen Stadt.

Per Bus geht es in das etwa 100 km süd­lich gele­ge­ne Ban­dung, der Pro­vinz-Haupt­stadt West­ja­vas. Deut­lich höher gele­gen als Jakar­ta ist die viert­größ­te Stadt Indo­ne­si­ens mit sei­nem rela­tiv küh­len Berg­kli­ma ein belieb­ter Auf­ent­halts­ort für Rei­sen­de auf Java. Auch hier gibt es ein Goe­the-Insti­tut, das sich mit viel Auf­merk­sam­keit um das Orche­ster küm­mert. Die Aula Barat des hoch ange­se­he­nen ‘Insti­tuts Tekno­lo­gi Ban­dung’ (ITB) bie­tet gute Rah­men­be­din­gun­gen für das näch­ste Kon­zert, das noch am Ankunfts­tag abends statt­fin­det. Etwa 800 Zuhö­rer, dar­un­ter zahl­rei­che Stu­den­ten, haben sich ein­ge­fun­den, for­dern zum Schluss ste­hend applau­die­rend Zuga­ben.

Bereits um 05:00 Uhr begin­nen am näch­sten Mor­gen die Vor­be­rei­tun­gen zur Abfahrt zum Flug­ha­fen. Müdig­keit und erste Anzei­chen von Erschöp­fung ste­hen eini­gen ins Gesicht geschrie­ben. Das Orche­ste­re­quip­ment muss vor dem Ein­checken wie immer durch den Scan­ner, Air Asia ver­langt Gebüh­ren für Über­ge­päck, bie­tet wenig Ver­hand­lungs­spiel­raum. Der Flug nach Kuala Lum­pur lässt wie­der den Äqua­tor pas­sie­ren. Nor­ma­ler­wei­se würde man sich zupro­sten, die Band ist für sol­che Aktio­nen zu müde.

Das Goe­the-Insti­tut in Kuala Lum­pur unter Lei­tung von Herrn Dr. Vol­ker Wolf ist zustän­dig für unse­ren Auf­ent­halt in Malay­sia. Schon die Fahrt vom Flug­ha­fen in die Haupt­stadt lässt die im Ver­gleich zur Regi­on Jakar­tas deut­lich bes­se­re Infra­struk­tur erah­nen. Malay­si­as Metro­po­le ist von wei­tem durch seine impo­san­ten, 452 m hohen ‘Petro­nas Twin Towers’ aus­zu­ma­chen. Eine Mono­rail­bahn rund um das Stadt­zen­trum fügt dem ohne­hin moder­nen Stadt­bild eine fast futu­ri­sti­sche Kom­po­nen­te hinzu. Unter­ge­bracht im ‘Grand Sea­sons’, dem höch­sten Hotel­ge­bäu­de des Lan­des, erholt sich die Band zunächst von den Rei­se­stra­pa­zen.

Aus Anlass des 50. Jah­res­ta­ges der Unab­hän­gig­keit Malay­si­as spielt das Orche­ster im ‘Kuala Lum­pur Per­forming Arts Cent­re’ und am näch­sten Tag im ‘KBU Inter­na­tio­nal Col­le­ge’, einem auf den Gebie­ten Maschi­nen­bau, IT, Busi­ness, Art und Design hoch ange­se­hen pri­va­ten Aus­bil­dungs­in­sti­tut. Die Band wird mit auf­wen­dig gestal­te­ten Trans­pa­ren­ten emp­fan­gen: ‘Wel­co­me Youth Jazz Orche­stra NRW’. Wer­bung, Büh­nen­tech­nik, Cate­ring, alles wurde bis ins Detail und mit gro­ßem Enga­ge­ment von den Stu­den­ten vor­be­rei­tet. Rund 1000 Zuschau­er fül­len den Saal, die Stim­mung ist aus­ge­las­sen. Wolf Escher, einem der Grün­dungs­vä­ter des Orche­sters und die­ses Mal als Tour­gast dabei, wird in fei­er­li­cher Zere­mo­nie ein Geschenk über­reicht. In einer kur­zen Lau­da­tio wür­digt die Mode­ra­to­rin seine 31-jäh­ri­ge künst­le­ri­sche Lei­tungs­tä­tig­keit.

Zum Ende des Kon­zer­tes wer­den T-Shirts mit Logo und Auf­schrift des Insti­tuts ver­teilt, die die Band spon­tan über­zieht. In neuem Out­fit, ange­nehm kor­re­spon­die­rend mit der Büh­nen­de­ko­ra­ti­on, absol­viert das Orche­ster seine Zuga­be. Stan­ding Ova­tions zum Schluss, ein rund­um gelun­ge­ner Auf­tritt.

Der näch­ste Tag beginnt früh mit Ver­la­den von Gepäck und Equip­ment. Wie­der erfolgt die stres­si­ge Pro­ze­dur des Ein­checkens, die­ses Mal für den Flug nach Siem Reap, der Haupt­stadt der gleich­na­mi­gen Pro­vinz in Kam­bo­dscha. Erneut wird mit Air Asia um die Höhe der Über­ge­päck­ge­büh­ren gefeilscht, letzt­lich über­nimmt das Goe­the-Insti­tut die Mehr­ko­sten.

In Siem Reap, der Stadt in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Welt­kul­tur­er­be Ang­kor Vat, ist die Band in einem Guest House unter­ge­bracht, einer ein­fa­chen aber gemüt­li­chen Her­ber­ge. Die Umstel­lung vom gedie­ge­nen, wohl kli­ma­ti­sier­ten ‘Grand Sea­sons’ zur neuen Unter­kunft fällt manch einem nicht leicht. Mos­ki­to­net­ze wer­den instal­liert, der Strom fällt zeit­wei­se aus, in den Abend­stun­den gesel­len sich Geckos zum Essen. Die Stra­ßen sind stau­big, die Behau­sun­gen der loka­len Bevöl­ke­rung ein­fach, man hat das Gefühl, in Süd­ost­asi­en ange­kom­men zu sein.

Ang­kor Vat ist die größ­te Tem­pel­an­la­ge der Welt, die Restau­rie­rung des zum Welt­kul­tur­er­be gehö­ren­den Bau­werks wird von der UNESCO orga­ni­siert. Gebaut wurde die Anla­ge im 12. Jahr­hun­dert von König Sur­ya­var­man II, dem ‘Schütz­ling des Son­nen­got­tes’. Das rie­si­ge Aus­maß der nach stren­gen geo­me­tri­schen Prin­zi­pi­en gebau­ten Anla­ge ist über­wäl­ti­gend; ein gan­zer Tag ist für die Besich­ti­gung vor­ge­se­hen.

Eini­ge Orche­ster­mit­glie­der wer­den krank, Pro­ble­me mit Magen und Darm tau­chen auf, die Mala­ria­pro­phy­la­xe wird nicht von allen gut ver­tra­gen. Auf die Not­wen­dig­keit, aus­rei­chend zu trin­ken und mit sei­nen Kräf­ten haus­zu­hal­ten, wird immer wie­der hin­ge­wie­sen.

Es ist Mon­tag, der 9. Tag der Tour.

Es geht mit dem Bus nach Süden, Phnom Penh ist das Ziel. Nach 7-stün­di­ger Fahrt errei­chen wir die kam­bo­dscha­ni­sche Haupt­stadt, checken ein im ‘River Star Hotel’ direkt am Ufer des Mekong. Pro­gramm für den Abend: Emp­fang im ‘Meta House Art Cen­ter’, einem Kunst- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trum, das im Janu­ar 2007 in Koope­ra­ti­on mit der Inter­na­tio­na­len Aka­de­mie der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin eröff­net wurde. ‘Seit 1998 herrscht end­lich wie­der Frie­den in Kam­bo­dscha. Wir wol­len Raum schaf­fen für Fan­ta­si­en und Visio­nen in einem Land, des­sen Bewoh­ner das Träu­men ver­lernt haben’, so sein Direk­tor, der Ber­li­ner Fil­me­ma­cher Nico Mest­er­harm. Das Tref­fen fin­det auf der Dach­ter­ras­se des Hau­ses statt mit Blick über eine pul­sie­ren­de Metro­po­le. Es gibt Bier und Kana­pees, die Atmo­sphä­re ist ent­spannt. Das Orche­ster ahnt nicht, welch grau­en­vol­len Bil­dern es am kom­men­den Tag bei sei­nem Besuch in der Geno­zid-Gedenk­stät­te ‘Toul Sleng Geno­ci­de Memo­ri­al’ aus­ge­setzt sein wird.

In einem knapp drei­ßig­jäh­ri­gen Bür­ger­krieg, vor allem aber wäh­rend der Schreckens­herr­schaft der ‘Roten Khmer’ (1975-1979) wur­den nicht nur 2 Mil­lio­nen Kam­bo­dscha­ner ermor­det, son­dern auch das gesam­te Sozi­al­ge­fü­ge des Lan­des aus den Angeln geho­ben. Intel­lek­tu­el­le und Men­schen, die sich nach Mei­nung der Roten Khmer als Gebil­de­te erwie­sen, weil sie z.B. Bril­len tru­gen, wur­den umge­bracht, Bücher ver­brannt, Biblio­the­ken, Archi­ve und Schu­len ver­wü­stet. Wer als Deut­scher ‘Toul Sleng’ in Phnom Penh besucht, muss unwei­ger­lich an den Ter­ror und die Men­schen­ver­ach­tung der Natio­nal­so­zia­li­sten den­ken.

Toul Sleng’ ist ein ehe­ma­li­ges Schul­ge­bäu­de der Stadt, das Gym­na­si­um ‘Tuol Svay Prey’ in der 103. Stra­ße, das von den Roten Khmern nach der Erobe­rung Phnom Penhs der syste­ma­ti­schen Fol­te­rung der Insas­sen dien­te. Die­je­ni­gen, die die bra­chia­len Miss­hand­lun­gen über­stan­den, wur­den erschla­gen. Nur sie­ben von ins­ge­samt min­de­stens 14.000 Gefan­ge­nen über­leb­ten.

Eini­ge Jugend­li­che kön­nen die Bil­der der Aus­stel­lung nicht ertra­gen und blei­ben im Hof des Gebäu­des zurück. Ande­re fin­den keine Worte, um ihre Ein­drücke mit­zu­tei­len; es fällt schwer, sich vor der Kame­ra zu äußern; auch dem Autor die­ses Berichts ergeht es so.

Abends fin­det ein Kon­zert im ‘Cam­bo­dia-Japan Coope­ra­ti­on Cen­ter’ statt. Soweit bekannt, ist noch nie eine deut­sche Big Band in Kam­bo­dscha auf­ge­tre­ten, eine abso­lu­te Pre­mie­re also. Das Publi­kum ist neu­gie­rig, geht begei­stert mit. Der Deut­sche Bot­schaf­ter ist auch anwe­send und unter­hält sich in der Pause ange­regt mit Mit­glie­dern des Orche­sters.

Am näch­sten Mor­gen ver­las­sen wir Phnom Penh mit dem Bus. Näch­stes Ziel: Ho-Chi-Minh-Stadt, ehe­mals Sai­gon. Vor der Abfahrt ver­sucht der Geschäfts­füh­rer noch Rei­se­schecks zu wech­seln, um ver­ein­ba­rungs­ge­mäß Aus­la­gen für das Orche­ster zu beglei­chen. Mit dem Moped geht es von Bank zu Bank, bis end­lich die gefun­den wird, die den erfor­der­li­chen Betrag tau­schen kann.

Die kom­men­de Etap­pe wird 9 Stun­den dau­ern.

Viel zu spät hat man damit begon­nen, die Natio­nal­stra­ße Rich­tung Süd­viet­nam aus­zu­bau­en. Der Ver­kehrt quält sich über stau­bi­ge Pisten durch kilo­me­ter­lan­ge Bau­stel­len. Ein­fa­che Hüt­ten auf Pfäh­len säu­men den Weg, die Land­be­völ­ke­rung lebt in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Irgend­wann hält der Bus an, das Orche­ster ‘besich­tigt’ die ein­fa­chen Unter­künf­te. Vor allem Kin­der, zunächst eher scheu, ver­sam­meln sich, um die ‘Lang­na­sen’ zu begut­ach­ten. Das Eis bricht, als einer der Musi­ker mit Bäl­len jon­gliert. Die Kame­ra­leu­te hal­ten die Szene fest. Sie nut­zen die Kulis­se auch, um Inter­views mit eini­gen Band­mit­glie­dern zu füh­ren: Sie fra­gen nach ihren Stim­mun­gen und Gefüh­len, wie steht’s mit der Gesund­heit, gibt es Heim­weh?

Auf dem Weg zur Gren­ze über­que­ren wir den Mekong mit einer Fähre. Zuvor müs­sen wir uns in einen Pulk von Bus­sen und LKWs ein­rei­hen, die voll bepackt mit Men­schen, Tie­ren und Waren auf ihren Trans­fer war­ten. Wie Amei­sen wuseln Kin­der durch die war­ten­den Fahr­zeu­ge und bie­ten ihre Waren an; in der Luft hän­gen Schwa­den von Die­sel­ab­ga­sen. Wir pas­sie­ren den Grenz­über­gang, umständ­li­che Pass­for­ma­li­tä­ten sind abzu­wickeln, Gepäck und Instru­men­te müs­sen wie am Flug­ha­fen durch eine Sicher­heits­kon­trol­le. Ein paar Extra­dol­lar beschleu­ni­gen die Ein­rei­se­pro­ze­dur.
Auf der ‘ande­ren Seite’ fah­ren wir über gut aus­ge­bau­te Stra­ßen. Die Umge­bung ver­än­dert sich, ein deut­lich höhe­rer Lebens­stan­dard wird erkenn­bar. Viet­nam, ein Land im Auf­bruch. Der Auf­stieg begann 1986. Die Regie­rung ver­ab­schie­de­te sich von der Plan­wirt­schaft, eine libe­ra­le, an den Markt­ge­set­zen ori­en­tier­te Wirt­schafts­po­li­tik befrei­te Viet­nam von sei­ner zehn­jäh­ri­gen Armut nach dem Krieg. Mit jähr­lich 8 Pro­zent erzielt die hei­mi­sche Wirt­schaft eine der höch­sten Wachs­tums­ra­ten welt­weit.

Man kann nicht glau­ben, dass wir nun durch jenes Land rei­sen, das so unsäg­lich viel Leid durch Krie­ge erlei­den muss­te. Unvor­stell­bar die Tat­sa­che, dass mehr Bom­ben auf Viet­nam abge­wor­fen wur­den, als wäh­rend des gesam­ten 2. Welt­kriegs über Mit­tel­eu­ro­pa.

Kriegs­bil­der, die um die Welt gin­gen, lange ver­drängt, kom­men zurück.

Die Eva­ku­ie­rung per Hub­schrau­ber vom Dach eines CIA-Wohn­blocks in der Innen­stadt von Sai­gon, das schrei­en­de Mäd­chen, das sich nach einem Napalm­an­griff die bren­nen­den Klei­der vom Leib reißt, der Mönch, der in Fla­men auf­geht. 1965 star­te­te Ame­ri­ka nach einem von ihm pro­vo­zier­ten Zwi­schen­fall mit einem nord­viet­na­me­si­schen Patrouil­len­boot im Golf von Ton­kin seine Inva­si­on, das Trau­ma begann; erst 1973 rang man sich in Paris zu einem Frie­dens­ver­trag durch.

Acht Jahre lang konn­te man die Schrecken die­ses Krie­ges im Fern­se­hen ver­fol­gen, damals noch in Schwarz-Weiß, aber des­halb nicht min­der absto­ßend für den Ver­fas­ser die­ser Zei­len und seine Mit­schü­ler in jener Zeit.

Der Blick aus dem Fen­ster ver­setzt die Band in ungläu­bi­ges Stau­nen. Mitt­ler­wei­le in den Vor­or­ten Sai­gons ange­langt bewegt sich der Bus immer noch ste­tig, obwohl rings­um von Moped­schwär­men umge­ben. Diese schei­nen wie Heu­schrecken aus allen Rich­tun­gen auf­ein­an­der zuzu­fah­ren, so dass - zumin­dest nach deut­schem Ver­ständ­nis - der Ver­kehr zum Erlie­gen kom­men müss­te. Wir schwim­men im Zwei­rad­strom mit und errei­chen in einem Zick­zack­kurs end­lich unser Hotel im Stadt­zen­trum.

Im Kon­zert­saal des Kon­ser­va­to­ri­ums steht am näch­sten Tag ein Work­shop auf dem Pro­gramm. Eini­ge Musik­stu­den­ten lau­schen auf­merk­sam den Aus­füh­run­gen der musi­ka­li­schen Lei­ter, las­sen sich zum Schluss auf die Bühne bit­ten, um der Band über die Schul­ter zu schau­en. Auf große Reso­nanz stößt die Umset­zung eines viet­na­me­si­schen Volks­lie­des, das von einem Teil­neh­mer spon­tan auf einen Zet­tel gekrit­zelt der Band als Vor­la­ge für Impro­vi­sa­tio­nen dient. Die­ses Stück wird noch am glei­chen Tag von Frank Reins­ha­gen zu einem kom­plet­ten Arran­ge­ment ver­ar­bei­tet und für die Zeit in Viet­nam in das Kon­zert­re­per­toire auf­ge­nom­men. Am Abend gibt das Orche­ster an glei­cher Stel­le ein Kon­zert.

Es ist Sams­tag, der 14. April.

Mit Viet­nam Air­lines, die über eine der modern­sten Luft­flot­ten im asia­ti­schen Raum ver­fügt, geht es nach Da Nang, zur Zei­ten des Viet­nam­kriegs die größ­te Luft­waf­fen­ba­sis der Ame­ri­ka­ner. Von hier star­te­ten B 52-Bom­ber ihre Angrif­fe; über den See­ha­fen der Stadt lief der Nach­schub.

Das Orche­ster wird im nahe gele­gen Hoi An unter­ge­bracht, einer idyl­li­schen Hafen­stadt mit alten Kauf­manns­häu­sern. Die vie­len Schnei­de­rei­en am Ort sind für die Band die eigent­li­che Attrak­ti­on. In Win­des­ei­le spricht sich herum, dass man sich preis­gün­stig Maß­an­zü­ge anfer­ti­gen las­sen kann. Von der Bestel­lung bis zur Aus­lie­fe­rung dau­ert es maxi­mal 2 Tage.

Das Orche­ster soll auf dem Markt­platz ein Open­air­kon­zert durch­füh­ren; Regen ver­zö­gert den Auf­tritt. Viele jugend­li­che Zuhö­rer ver­fol­gen auf ihren Mopeds sit­zend in gebüh­ren­dem Abstand das Gesche­hen, es gab schon bes­se­re Auf­tritts­be­din­gun­gen.

Für den kom­men­den Tag ist ein Kon­zert im Kul­tur­zen­trum Da Nang vor­ge­se­hen, einem moder­nen Kon­zert­saal mit guten aku­sti­schen Vor­aus­set­zun­gen. Die Tech­ni­ker des Hau­ses sind über die Ankunft des Orche­sters nicht infor­miert, nichts ist vor­be­rei­tet, Kla­vier oder Flü­gel Fehl­an­zei­ge. Müh­sa­me Ver­hand­lun­gen begin­nen, das Haus­per­so­nal stellt sich stur, die Stim­mung ist gereizt. Zwei Orche­ster­mit­glie­der müs­sen zum Arzt, unse­re Beglei­te­rin vom Goe­the-Insti­tut ist mit den Ner­ven am Ende. Das Kon­zert gestal­tet sich zäh, es gab schon ange­neh­me­re Auf­trit­te.

Für Mon­tag, den 16. April, ist ein Aus­flug in den Regen­wald vor­ge­se­hen. Nach 3 Stun­den Fahrt wird die Band auf klei­ne­re Busse ver­teilt, die sie auf einer schma­len und kur­ven­rei­chen Stra­ße wei­ter in die Berge brin­gen. Zum Schluss geht es zu Fuß durch dich­ten Wald bis zu einem Was­ser­fall, von dem man einen beein­drucken­den Blick auf die bewal­de­ten Hänge rings­um genießt. Der Dschun­gel scheint undurch­dring­lich. Die Vor­stel­lung, dass diese nun fried­li­che Kulis­se einst Schau­platz eines erbar­mungs­lo­sen Kriegs war, lässt einen erschau­dern.

Näch­ste Sta­ti­on der Tour ist Hanoi. Wie­der Pro­ble­me beim Ein­checken. Obwohl in Abstim­mung mit dem Goe­the-Insti­tut nun angeb­lich keine Gebüh­ren für Über­ge­päck anfal­len sol­len, besteht Viet­nam Air­lines auf Extra­zah­lun­gen. Stress kommt auf, Tele­fo­na­te wer­den geführt. Ergeb­nis: die Air­line muss ein­ge­ste­hen, dass sie der Beför­de­rung von Über­ge­päck ohne Zusatz­ko­sten im Vor­feld zuge­stimmt hat. Die Kame­ra­leu­te zah­len trotz­dem für ihre Aus­rü­stung; beschei­de­ne 15 Dol­lar sind zu ent­rich­ten - damit die Ange­stell­ten am Check-in-Schal­ter ‘nicht ihr Gesicht ver­lie­ren’.

Die Stadt ‘zwi­schen den Flüs­sen’ gilt als eine der fas­zi­nie­rend­sten Metro­po­len Süd­ost­asi­ens. Der Besu­cher ist glei­cher­ma­ßen beein­druckt von der histo­ri­schen Alt­stadt, dem kolo­nia­len fran­zö­si­schen Vier­tel, tau­send Jahre alten Tem­peln und den vie­len Seen. Der Lei­ter des Goe­the-Insti­tuts lässt es sich nicht neh­men, das Orche­ster per­sön­lich zu inter­es­san­ten Punk­ten der Stadt zu füh­ren, so z.B. in das Vier­tel Ba Dinh, ein Stück öst­lich vom Ho-Chi-Minh-Mau­so­le­um. Hier ragt das Wrack eines abge­schos­se­nen B-52-Bom­bers aus einem See, heute ein Denk­mal, das von ele­gan­ten Stadt­häu­sern und einer Grund­schu­le ein­ge­rahmt wird.

Zwei Work­shops im städ­ti­schen Kon­ser­va­to­ri­um sind vor­ge­se­hen, das Inter­es­se hier deut­lich grö­ßer als in Sai­gon. Eini­ge Stu­den­ten las­sen sich über­re­den, in der Band mit­zu­spie­len.

Der vor­letz­te Tag der Tour ist einem Aus­flug zur berühm­ten Ha-Long-Bucht vor­be­hal­ten.

Aus der beein­drucken­den Mee­res­land­schaft und dem jade­grü­nen Was­ser ragen zer­klüf­te­te Karst­fel­sen empor. Fast 2000 mar­kan­te Inseln lie­gen ver­streut in der 1553 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Bucht im Golf von Ton­kin. 1994 ernann­te die Unesco 434 Qua­drat­ki­lo­me­ter zum Welt­na­tur­er­be’ (vergl.: Der Natio­nal Geo­gra­phic Tra­ve­ler ‘Viet­nam’).

Die Band rich­tet sich auf einer roman­ti­schen Dschun­ke ein. Die Fahrt führt zunächst zu einer atem­be­rau­bend schö­nen Tropf­stein­höh­le, anschlie­ßend durch die Welt der Kegel­karst­tür­me. An Bord wird ein mehr­gän­gi­ges See­food-Menue ser­viert; spä­ter gibt es Gele­gen­heit, in einer ruhi­gen Lagu­ne zu baden. Stress und Krank­hei­ten sind ver­ges­sen, das Orche­ster fühlt sich wohl. Auf der Rück­fahrt nach Hanoi gibt der Bus sei­nen Geist auf. Meh­re­re Stun­den harrt man auf einer Land­stra­ße aus, bis ein Ersatz­fahr­zeug ein­trifft.

Das letz­te Kon­zert fin­det statt im Jugend­thea­ter Hanoi. Die Band spielt vor voll­be­setz­tem Haus. Zwei ita­lie­ni­sche Saxo­pho­ni­sten, die sich auf Ein­la­dung des Goe­the-Insti­tuts in Hanoi auf­hal­ten, stei­gen mit ein, eben­so ein Melo­di­ca­spie­ler vom hei­mi­schen Kon­ser­va­to­ri­um. Das Publi­kum ist begei­stert, die Stim­mung aus­ge­zeich­net.

Der Abend klingt aus mit einem def­ti­gen Essen und Frei­bier im Innen­hof des Goe­the-Insti­tuts.