1996 - China

Alles schien bestens orga­ni­siert und dann wurde es nicht erteilt: das Sammelvisum für die Einreise in die Volksrepublik China.Wolf Escher, der die Reise mit Energie, sei­ner ihm eige­nen Akkuratesse und Geduld vor­be­rei­tet hatte, schien letz­te­re zu ver­lie­ren und konn­te des Nachts nicht schla­fen. Wieder lie­fen Faxe hin und her, man bemüh­te sich von höch­ster Stelle. Am Montag vor dem Mittwoch kam es dann doch: das Sammelvisum für die Einreise in die Volksrepublik China.

Das Orchester war bestens prä­pa­riert. In zwei Arbeitsphasen in Heimbach/Eifel und Köln wur­den die Musiker des tra­di­ti­ons­reich­sten JugendJazzOrchesters der Republik für die Tournee fit gemacht. Bei den abschlie­ßen­den Proben wurde noch­mals alles ‘gecheckt’, Aufgaben ver­teilt, Texte zum Programm ver­faßt, letz­te Klarheiten besei­tigt.

Mittwoch, 15. Mai

Der Leiter und der Geschäftsführer war­ten vor der Musikschule Dortmund auf den Bus, der sie und spä­ter das ganze Orchester zum Brüsseler Flughafen brin­gen soll. Gegen 17:00 geht es los, nach­dem sich der Fahrer dar­über auf­ge­regt hatte, warum denn der Musikschulparkplatz für die Ankunft sei­nes Kleinbusses nicht leer­ge­räumt sei.

Es ist der Mittwoch vor Christi Himmelfahrt und der deut­sche Autofahrer läßt es sich nicht neh­men, diese Feiertagskonstellation zum Anlaß zu neh­men, Stoßstange an Stoßstange in den Kurzurlaub zu krie­chen. Auf dem Kölner Ring ste­hen wir ca. 1 Stunde nutz­los herum und ban­gen um unse­ren Flieger nach Peking. Auch der Rest des Orchesters, der in Köln und in der Nähe von Aachen auf uns war­tet, macht sich berech­tig­te Sorgen ob der enor­men Verspätung ihres Transfers nach Brüssel.
Doch dann läuft es. Der Bus kommt recht­zei­tig am Flughafen an. Dieser scheint um diese Zeit wie aus­ge­stor­ben, - Zeit für jeden, vor dem 10stündigen Nonstop-Flug in sich zu gehen und sich auf das ein­zu­stel­len, was da kom­men soll­te.

Donnerstag, 16. Mai

01:05 Uhr. die McDonnell Douglas MD 11 der China Eastern Airlines rollt zur Startbahn -und ver­läßt diese gleich wie­der. Zur Vermeidung von Unannehmlichkeiten geben wir einem im Landeanflug befind­li­chen Maschine den Vorrang. Doch dann sind wir in der Luft, glei­ten ruhig und bestens betreut nach Peking.

17:25 Uhr. Zwischenlandung in Peking, - fast auf die Minute pünkt­lich, Einreiseformalitäten wer­den erle­digt, alles läuft rei­bungs­los. Erste Eindrücke am Flughafen wer­den ver­ar­bei­tet und bei einem Erfrischungsgetränk an der Bar aus­ge­tauscht.

18:25 Uhr. Weiterflug nach Shanghai, Landung dort um 20:15 Uhr, - wie­der erstaun­lich pünkt­lich.
Dank unse­rer chi­ne­si­schen Begleiterin, Frau Zou Ying vom Kulturamt Hangzhou, Abtlg. für aus­län­di­sche Zusammenarbeit, funk­tio­niert das Auschecken wie­der pro­blem­los. Überhaupt soll­ten wir bald mer­ken, wie sich diese Frau - teils unauf­fäl­lig, teils vehe­ment - für die Belange der Band ein­setz­te. Nicht umsonst bekam sie bald den Titel ‘Mutter des Orchesters’ ver­lie­hen.

Von Shanghai geht es in Begleitung einer fünf­köp­fi­gen chi­ne­si­schen Delegation, die unun­ter­bro­chen auf­ein­an­der ein­re­det, per Bus in das ca. 200 km ent­fern­te Hangzhou. Auf die­ser nächt­li­chen Fahrt bekom­men wir einen klei­nen Vorgeschmack auf den chi­ne­si­schen Verkehr und auf die Art des Busfahrers, die­sem offen­sicht­li­chen Chaos zu begeg­nen. Teilweise oder auch gar nicht beleuch­te­te Fahrzeuge unter­schied­lich­ster Art fah­ren nach Gutdünken mal auf der rech­ten mal auf der lin­ken Straßenseite, was den Fahrer ver­an­laßt, abwech­selnd links und rechts zu über­ho­len. Diejenigen Orchestermitglieder, die noch wach sind, ver­fol­gen mit ungläu­bi­gem Staunen die Manöver unse­res Busses. Hier schien sich der Spruch zu bewahr­hei­ten, der dem Autor in sei­ner hei­mat­li­chen Autowerkstatt auf­ge­fal­len war: ‘Was ist Praxis ? Praxis ist, wenn alles funk­tio­niert und kei­ner weiß warum.’ Auf wun­der­sa­me Weise kol­li­dier­ten hier PKWs, LKWs, Fahrräder und Eselskarren nicht mit­ein­an­der - und ich wußte nicht warum.

Freitag, 17. Mai

Es ist nach Mitternacht. Zeitverschiebung und all­ge­mei­ne Ermattung las­sen die chi­ne­si­sche Umwelt wie trau­ma­ti­siert erschei­nen. Und dann biegt der Bus end­lich in die Auffahrt unse­rer Herberge ein. Diese scheint so unglaub­lich luxu­ri­ös (was sie auch tat­säch­lich war), daß wir Mühe haben, sie mit dem Land, durch das wir seit 5 Stunden fuh­ren, in Verbindung zu brin­gen. Ausladen, ‚Zimmerverteilung, - alles funk­tio­niert - und eini­ge weni­ge ahnen warum. Kurze Information des Geschäftsführers: ’10:00 Uhr Frühstück’.

10:00 Uhr. Frühstück. Angestellte des Hauses ste­hen am Eingang des Frühstücksraumes und nicken uns höf­lich zu. Wir nicken zurück, wür­den gerne etwas sagen, doch mit dem Wortschatz hapert es.

12:00 Uhr. Empfang im Hotel mit dem Bürgermeister und wei­te­ren Offiziellen der Stadt Hangzhou sowie Vertretern des Kulturamtes. Die chi­ne­si­sche Seite zeigt sich hoch erfreut, das Orchester in Hangzhou begrü­ßen zu kön­nen und hofft, daß die anste­hen­den Konzerte zu einem gro­ßen Erfolg füh­ren wer­den. Wolf Escher bemerkt in sei­ner Entgegnung, daß es ihn eben­falls freue, nach so lan­ger Vorbereitungszeit in Hangzhou zu sein und bedankt sich im Namen des Orchesters für die chi­ne­si­sche Gastfreundschaft. Die Atmosphäre ist nicht gera­de locker, daran ändert auch der Tee nichts. Keiner kann zu die­sem Zeitpunkt ahnen, daß wir irgend­wann Vertreter des Kulturamtes dazu brin­gen wür­den, ein Kölner Karnevalslied anzu­stim­men.

Nach dem Empfang geht es zum Mittagessen. Man sitzt an run­den Tischen mit der typi­schen Drehtafel in der Mitte und pikt mit Stäbchen - wenn es denn gelingt - die köst­lich­sten Speisen. Man hat geschick­ter­wei­se die Plätze so ver­teilt, daß zur Linken wie zur Rechten jeweils ein chi­ne­si­scher Gast sitzt, der uns freund­li­cher­wei­se in die hohe Kunst des Stäbchenessens ein­weist. Um uns herum han­tiert geschickt und unauf­dring­lich das weib­li­che chi­ne­si­sche Personal; seine Dienstkleidung mit inte­grier­tem Seitenschlitz stößt auf all­ge­mei­ne Zustimmung. Speisen wer­den auf- und abge­tra­gen, alles schmeckt uner­hört lecker. Es dau­ert nicht lange und der Bürgermeister eröff­net die Trinkzeremonie, die sich auf unse­rer Reise noch unzäh­li­ge Male wie­der­ho­len soll­te: ‘gam­bai’ (im deut­schen Volksmund etwa: ‘hau weg!’), ruft er, trinkt das Glas in einem Zug aus, zeigt stolz das leere Behältnis und blickt uns dabei tief in die Augen. Wir fol­gen sei­nem Beispiel. Nochmals wer­den freund­li­che Reden gehal­ten. ‘Gambai’ schallt es nun auch von den Vertretern des Kulturamtes. Die Atmosphäre ist locker.

Nachmittags neh­men wir das Ton Po Theater in Augenschein, in dem wir abends unser erstes Konzert geben sol­len. Wir haben kaum Zeit, irgend etwas in eige­ner Regie zu unter­neh­men, alles ist straff durch­or­ga­ni­siert.

Das Theater hat ca. 1.200 Plätze. Der Bühnenaufbau beginnt. Die Personenzahl der chi­ne­si­chen Delegation scheint stän­dig zuzu­neh­men. Man ist bemüht, uns soweit als mög­lich tech­ni­sche Unterstützung zu gewäh­ren. Mit Hilfe von Zou Ying, die uner­müd­lich über­setzt und orga­ni­siert, funk­tio­niert der Aufbau und der Soundcheck.

Das Theater ist nahe­zu aus­ver­kauft. Das Publikum ist neu­gie­rig, wir sind neu­gie­rig. Das Konzert beginnt, eine chi­ne­si­che Ansagerin ver­ließt brav den Inhalt der Stücke, die auf dem Programm ste­hen. Der Applaus ist freund­lich, nicht gera­de über­schweng­lich, etwa wie kurze cre­scen­di und decre­scen­di. Die offi­zi­el­len Ansagen sind nicht gera­de stim­mungs­för­dernd, man müßte die Zuhörer aus ihrer Reserve locken. Spaß haben sie ja, nur sie trau­en sich nicht, die­sen auch zu zei­gen. ‘Fun’ heißt ein Stück von Meinhard Puhl, bis vor kur­zem noch Mitglied des Leitungsteams, das die Band als Zugabe prä­sen­tiert. Es gilt, das Publikum mit Spaß, zu infi­zie­ren. Die Rhythmusgruppe powert in ‘Technomanier’, wäh­rend der Rest der Band inkl. Sängerin und Leitungsteam sich mit Räppelchen und diver­ser Perkussion bestückt ins Publikum auf­macht, um Stimmung zu ver­brei­ten. Das Eis bricht. Die Leute ste­hen auf, klat­schen begei­stert mit und freu­en sich. Manch einer mag an Karneval in Rio gedacht haben. Viele kom­men nach dem Konzert zur Bühne, wol­len Autogramme und sich mit den Musikern foto­gra­phie­ren las­sen.

Die Stimmung ist gut, - wir hän­gen im Zeitplan. Die chi­ne­si­sche Seite mahnt zum Aufbruch, denn schließ­lich ist - wie immer - alles ‘vol­be­lei­tet’. Wieder im Hotel gibt’s Abendessen vom ‘Feinsten’ und ‘gam­bai’ an allen Tischen. Pünktlich um 24:00 erklärt die chi­ne­si­sche Seite die ‘Party’ für been­det.

Samstag, 18. Mai

Konzert in der Handelshochschule. Vorher geht es zum Mittagessen in die Universität. Die Band wird von einer Vielzahl chi­ne­si­scher Studentinnen in Empfang genom­men und in den Speisesaal beglei­tet. Man spricht eng­lisch, hin und wie­der auch deutsch, erste außer­pro­to­kol­la­ri­sche Kontakte wer­den geknüpft, die Band ist sehr ange­tan. Das Publikum in der Handelshochschule besteht fast aus­schließ­lich aus Studenten. Die Ansagen wer­den vom Leitungsteam selbst gemacht, gren­zen­lo­se Begeisterung beson­ders wie­der am Schluß bei ‘Fun’. Später wird die Ankunft in der Universität für das Fernsehen noch­mals nach­ge­stellt, - Gelegenheit, außer­pro­to­kol­la­ri­sche Kontakte wei­ter zu ver­tie­fen.

Nachmittags geht es mit dem Bus in das 60 km ent­fern­te Xiaoshen. Auftrittsort ist hier eine rie­si­ge Sporthalle. Aufbau, Soundcheck, - ich lerne unse­ren chi­ne­si­schen Begleiter Boris (‘Bobbele’) schät­zen. Er über­setzt und hilft wo er kann, immer freund­lich, läßt sich nicht aus der Ruhe brin­gen. Er spricht akzent­frei­es Deutsch (nach 2 Jahren Unterricht!) und weiß erstaun­lich viel über Deutschland, z.B. daß Borussia Dortmund deut­scher Fußballmeister ist. Vor dem Konzert geht’s zum Essen in ein nobles Restaurant.

Alles ist ‘vol­be­lei­tet’. Ein rotes Transparent über dem Eingang heißt uns will­kom­men. Wieder wer­den wir von einem Fernsehteam empfangen.Das Publikum ist der eng­li­schen Sprache nicht mäch­tig. Unsere Zou Ying über­setzt, manch­mal - so scheint es - nicht immer das, was sie soll. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Erst die Zugabe mit obli­ga­to­ri­schem Ausflug lockt die Zuhörer aus der Reserve.

Sonntag, 19. Mai

Zou Ying zeigt uns Zeitungsausschnitte mit Fotos. Die chi­ne­si­sche Seite ist sehr ange­tan von unse­ren Konzerten; die Vertreter des Kulturamtes Hangzhou zei­gen sich zufrie­den, kön­nen sie doch ihrer vor­ge­setz­ten Stelle mel­den, daß alles nach Plan läuft und oben­drein das Orchester gro­ßen Erfolg hat. Das alles macht den Umgang zwi­schen Gastgebern und Gästen zuse­hends unkom­pli­zier­ter. Inzwischen kön­nen wir dem Hotelpersonal auch ein auf­mun­tern­des ‘guten Morgen’ oder ‘Danke’ auf chi­ne­sisch ent­ge­gen­brin­gen. Jetzt zeigt sich das Fernsehen schon beim Frühstück. Eine Moderatorin möch­te Einzelheiten über das geplan­te open air-Konzert am Abend wis­sen. Vorgesehen ist ein Auftritt zusam­men mit ein­hei­mi­schen Künstlern im Liulang Park am West-See.

Mittags spielt die Band in der Sporthalle der Universität. Die Studenten sind völ­lig aus dem Häuschen. Am Ende des Konzerts kom­men sie von den Rängen, bestür­men die Musiker mit Fragen. Einige wol­len Instrumente aus­pro­bie­ren, ande­re sich foto­gra­phie­ren las­sen. Das Publikum reißt sich förm­lich um Cds. Es ist ein Gewühl wie am 1. Tag eines west­deut­schen Sommerschlußverkaufs. Nachmittags geht es in den schon erwähn­ten Park. Mit Unterstützung einer ame­ri­ka­ni­schen Brauerei soll hier am Abend ein Kulturprogramm prä­sen­tiert wer­den. Die tech­ni­schen Voraussetzungen sind nicht gera­de ideal: die P.A. reicht allen­falls zur Beschallung eines Schulhofes, Scheinwerfer hän­gen an Drähten, die man hier­zu­lan­de eher als Telephonleitung benut­zen würde. Kurz vor Beginn der Veranstaltung schmort eine Leitung durch und droht die Bühnendekoration in Brand zu setz­ten.

Das Leitungsteam ist ver­schwun­den. Wie sich spä­ter her­aus­stellt, war es zu einer ‘Besprechung’ auf ein Boot gela­den, das dann uner­war­tet auf den See hin­aus­fuhr. Fast glaub­te man an eine Entführung. Die schon erwähn­te Brauerei ließ sich nicht lum­pen und ver­wöhn­te ihre Passagiere mit einem erle­se­nen ‘Besprechungsessen’. Der Rest der Band lüm­mel­te sich - von der Führung zurück­ge­las­sen - hin­ter der Bühne herum und begnüg­te sich mit Fast food und Büchsenbier.
Der Park füllt sich, etwa 10.000 Zuschauer kom­men, um dem Spektakel bei­zu­woh­nen. Auf dem Programm steht - neben einem Bierwettrinken - der Auftritt einer Kindergruppe, die Volkslieder auf bat­te­rie­be­trie­be­nen Heimorgeln (sog. ‘West-Lake-Keyboards’) kit­schig deka­den­te ‘Westschnulzen’ spielt, sowie eine Ballett-auf­füh­rung einer Tanzgruppe, deren anmu­ti­ge Bewegungen einen nach­hal­ti­gen Eindruck auf die deut­schen Gäste hin­ter­las­sen. Das Orchester gibt sein Bestes, der Sound ist beschei­den und auf­grund dich­ter Menschentrauben vor den ohne­hin zu klein dimen­sio­nier­ten Lautsprechern nicht sehr trag­fä­hig. Alles wird von einer loka­len Fernsehstation über­tra­gen, ein­schließ­lich eines Interviews mit unse­rem Schlagzeuger, des­sen Punkfrisur sicher­lich für Gesprächsstoff beim chi­ne­si­schen Fernsehpublikum sor­gen dürf­te.

Montag, 20. Mai

Wieder steht uns ein vol­les Programm ins Haus, des­we­gen Frühstück um 08:00.
Anschließend geht’s auf eine Stadtrundfahrt durch Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Hangzhou, das den Beinamen ‘Seidenstatt’ führt, gilt als eine der schön­sten Städte Chinas, was in einem bekann­ten Sprichwort zum Ausdruck kommt: ‘Im Himmel gibt es das Paradies, hier auf Erden sind Suzhou und Hangzhou’. (vergl. Baedecker: ‘China’, S.206)

Wenn doch nicht gera­de para­die­sisch so sind eini­ge Sehenswürdigkeiten die­ser Stadt aus­ge­spro­chen besich­ti­gungs­wür­dig. Dazu zäh­len u.a. der West-See (hier gibt es eine klei­ne Fahrt mit dem Elektroschiff), das Kloster der Verborgenen Unsterblichen (Linying Si) mit dem sog. ‘her­bei­ge­flo­ge­nen Gipfel’ (Feilai Feng, ein 168 m hoher, von unzäh­li­gen Höhlen und Nischen durch­bro­che­ner Berg, in denen etwa 380 Buddha-Statuen unter­ge­bracht sind) sowie die 60 m hohe Pagode der Sechs Harmonien (Liuhe Ta). Im Laufe der Rundfahrt geht es auch in eine Teestube, in der man den bekann­ten Drachenbrunnentee (Longjing Cha) pro­bie­ren und natür­lich auch kau­fen kann.

Als Fremdenverkehrsführerin betä­tigt sich eine freund­li­che und auf­ge­schlos­se­ne Chinesin, die - so läßt sie schnell durch­blicken - für ihr Leben gern singt. Das tut sie dann auch über das Busmikrophon, und die Band ist begei­stert. Bei einem Rundgang durch eine von klei­nen Seen durch­zo­ge­ne Gartenanlage mit wun­der­schö­nen chi­ne­si­schen Pavillons stu­diert sie mit Michael Villmow (Leitungsteam) ein bekann­tes chi­ne­si­sches Volkslied ein (Titel: ‘die Braut’), das die­ser spon­tan nie­der­schreibt und mit west­li­cher Lautschrift ver­sieht. Im Duett wird es dann spä­ter beim Mittagessen auf einer Charaokebühne den stau­nen­den Restaurantbesuchern vor­ge­führt.

17:00 Uhr. Treffen Ton Po Theater zur Vorbereitung des Abschlußkonzerts in Hangzhou. Die Räumlichkeiten wir­ken ver­traut, hier spiel­te die Band ihr erstes Konzert auf chi­ne­si­schem Boden. Aufbau und Soundcheck ver­lau­fen pro­blem­los, Teamarbeit ent­wickelt sich zwi­schen Gastgebern und Gästen, - nicht ein­mal ‘Bobbele’ muß hel­fen. Es bleibt Zeit für einen klei­nen Spaziergang auf der West-Seepromenade.

Wolfgang Breuer will uns auf eine beson­ders attrak­ti­ve chi­ne­si­sche Passantin auf­merk­sam machen. Da wir sie nicht gleich ent­decken und des­halb nach­fra­gen, wen er denn meine, zeigt er in eine bestimm­te Richtung und bemerkt: ‘…ja die da mit den schwar­zen Haaren.’

Das Theater ist mit 1.200 Zuhörern aus­ver­kauft. Einige kom­men zum wie­der­hol­ten Mal in unser Konzert und bil­den eine echte Fangemeinde. Die Band ist gut ein­ge­spielt. Im Gegensatz zum ersten Konzert applau­diert das Publikum jetzt enthu­si­astisch und lang anhal­tend. Einen Höhepunkt bil­det das Gesangsduett Villmow/Fremdenverkehrsführerin, das - durch inten­si­ve Charaokearbeit bestens prä­pa­riert - das Brautlied anstimmt; die Band unter­stützt dezent. Die Zugabe ver­läuft wie nicht anders zu erwar­ten, und am Schluß sind alle froh und glück­lich.

Glücklich ist vor allem auch Bao Zhen Xi, Director Assistant vom Hangzhou Cultural Bureau. Alles ist gut ver­lau­fen - natür­lich weil alles gut ‘vol­be­lei­tet’ war -, es gab keine nen­nens­wer­ten Schwierigkeiten und die Gäste erwie­sen sich als zuver­läs­si­ge Partner in punc­to Vorbereitung und Durchführung der Konzerte. Beim anschlie­ßen­den Abendessen im Hotel ist es dann soweit: nach wie­der­hol­tem ‘gam­bai’ und dem Brautlied, das mitt­ler­wei­le das ganze Orchester imstan­de ist zu sin­gen, ver­sucht er sich an dem Kölner Karnevalsschlager: ‘Im Winder, da schnei­det, im Winder iset kaallt, ja so kaallt, ja so kaallt…’. Dann offen­bart er uns, daß er 30 Jahre lang pro­fes­sio­nell getanzt habe und gibt sogleich eine Kostprobe. An die­sem Abend siegt die künst­le­ri­sche über die offi­zi­el­le Seele in sei­ner Brust, und um 24:00 ist noch nicht Schluß.

Dienstag, 21. Mai

Nächster Spielort ist Ningbo, etwa 200 km süd­öst­lich von Hangzhou gele­gen. Der Bus quält sich durch den städ­ti­sche Verkehr und erreicht end­lich die Autobahn. Sie ent­spricht - von eini­gen sprung­schan­zen­ähn­li­chen Querrillen abge­se­hen - west­li­chem Standard, und ent­spre­chend beschleu­nigt der Bus auf 100 km Reisegeschwindigkeit. Die Federung wird bei jedem ‘Sprung’ aufs Äußerste stra­pa­ziert, was den Fahrer aber nicht wei­ter beein­druckt.

Ankunft im Dongqian Lake Hotel. Zur Begrüßung ist in der Hotelhalle wie­der ein rotes Transparent auf­ge­hängt. ‘Welcome Young People’ Jazz Orchestra NRW…‘Es fin­den die übli­chen Begrüßungsreden statt, wobei der Schnatterhall der Charaoke-Anlage etwas befrem­dend wirkt. Auch hier ist das Essen vor­züg­lich und wir sind erneut tief beein­druckt von chi­ne­si­scher Eßkultur.

Nachmittags besich­ti­gen wir das Theater, in dem abends das Konzert statt­fin­det. Es soll live im Fernsehen über­tra­gen wer­den. Beim Soundcheck gera­ten Geschäftsführer und der ört­li­che Toning. anein­an­der, da letz­te­rer nicht davon zu über­zeu­gen ist, daß der ‘Mix’ für das Theater ein ande­rer ist, als der für die Fernsehübertragung. Irgendwie funk­tio­niert es dann doch (chi­ne­si­sche Praxis), und es wird wie­der ein erfolg­rei­cher Abend. Nach dem Konzert wie üblich Fotos und Visitenkartentausch. Zou Ying mahnt zur Eile, zwar dezent aber unmiß­ver­ständ­lich, denn im Hotel war ja das Abendessen schon wie­der ‘vol­be­lei­tet’.

Mittwoch, 22. Mai

Zou Ying hatte einen Studienkollegen, dem ging es wäh­rend des Studiums nicht beson­ders gut, und sie half ihm. Heute geht es ihm viel, viel bes­ser und er ist Leiter des Kulturbüros in Xin Chang. So kommt es denn, daß wir in eben die­sem Städtchen einen wei­te­ren Auftritt haben. Der Weg führt uns über eine kur­ven­rei­che und gebir­gi­ge Landstraße. Daß man das Ende einer Kurve nicht ein­se­hen kann, scheint den Busfahrer nicht wei­ter zu stö­ren, und er über­holt trotz­dem. Die Band macht sich Mut, indem sie bei jedem heik­len Überholmanöver die Erkennungsmelodie des ‘7. Sinns’ into­niert.

Ankunft in Xin Chang gegen Mittag. Zou Ying’s ‘Studienkollege’ begrüßt uns samt Gefolge im Hotel und führt uns gleich zum Essen. Wie wir spä­ter erfah­ren, ist der Kulturetat die­ser Stadt für der­ar­ti­ge Empfänge nicht beson­ders hoch, doch läßt man es auch hier an nichts man­geln (vom Strom zwi­schen 14:00 und 18:00 Uhr ein­mal abge­se­hen). Das Essen ist reich­lich und abwechs­lungs­reich wie immer, die Gastgeber, dar­un­ter auch ein­hei­mi­sche Künstler, sind sehr höf­lich und zuvor­kom­mend. Nachmittags besich­ti­gen wir eine Tempelanlage mit beein­drucken­den Buddhafiguren.

19:00 Uhr. Konzert im Kulturzentrum, anschlie­ßend Abendessen im Hotel mit Videovorführung des Konzertes vom 21. Mai in Ningbo. Zou Ying hat den Film zwi­schen­zeit­lich orga­ni­siert. Die Gastgeber schen­ken reich­lich Schnaps nach, ver­su­chen sich selbst aber mit Wasser, das sie heim­lich anstel­le der Spirituose in ihre Schnapsgläser fül­len, aus der Affäre zu zie­hen.

Donnerstag, 23. Mai

Wir fah­ren zurück nach Hangzhou. Ursprünglich war dort noch ein offi­zi­el­ler Programmpunkt geplant. Das Orchester pro­te­stiert, ver­ständ­li­cher­wei­se, möch­te man doch nun auch ein­mal ohne Aufsicht in eige­ner Regie etwas unter­neh­men. Wir fah­ren auf der Autobahn mit den bereits erwähn­ten Querrillen, doch statt wie auf der Hinfahrt mit hohem Tempo ‘rüber­zu­sprin­gen, wird der Bus zuse­hends lang­sa­mer, bis er schließ­lich anhält und sei­nen Geist auf­gibt. Nach Meinung des Busfahrers sit­zen die Kraftstoffilter zu, wor­auf er diese ent­fernt. Erneuter Versuch, der Bus kommt nicht auf Touren. Erst als er auf unse­ren Tip hin den Dreck aus dem Luftfilter her­aus­schüt­tet, kann es wei­ter­ge­hen. Hangzhou, frü­her Nachmittag, kein Programm, jeder kann machen, was er will. Das Leitungsteam geht mit Zou Ying zum Essen, danach bum­meln wir durch die Stadt, kau­fen und feil­schen. Wir sind ange­tan von der rie­si­gen Auswahl an hoch­wer­ti­gen Seidenprodukten; man könn­te ganze Koffer voll davon mit­neh­men. Es ist der letz­te Abend in Hangzhou und wir genie­ßen noch ein­mal das süd­län­di­sche Flair auf der West-Seepromenade.

Unsere Gastgeber haben eine Abschiedsparty in einem ‘Jazzclub’ orga­ni­siert. Ein ein­hei­mi­sches Duo spielt ‘Take Five’ und ‘Feelings’, unse­re ‘Jungs’ stei­gen mit ein. Man hat für den Abend ein künst­le­risch hoch­wer­ti­ges Programm zusam­men­ge­stellt: neben einer attrak­ti­ven Illusionistin tritt ein Trio auf, das chi­ne­si­sche Zirkusakrobatik auf höch­stem Niveau bie­tet. Ausdrucksvoll und mit viel Hingabe prä­sen­tie­ren anschlie­ßend drei chi­ne­si­sche Musikerinnen Kammermusik auf tra­di­tio­nel­len Instrumenten.

Die Band ist hin­ge­ris­sen.

Doch auch an die­sem Abend gibt es kein open end. Trotz guter Stimmung wird gegen Mitternacht zum Aufbruch gemahnt. Der Bus war­tet, wir fah­ren zurück zum Hotel. Man spürt, daß die chi­ne­si­sche Seite auch den letz­ten Tag unse­res Aufenthaltes in Hangzhou ‘sau­ber’ und ohne Zwischenfälle hin­ter sich brin­gen möch­te. Einige Bandmitglieder mel­den Protest an. Man sei schließ­lich erwach­sen und könne auf sich selbst auf­pas­sen. Zurück im Hotel wird spon­tan die ‘Fortführung’ der Abschlußfete orga­ni­siert. Einige ver­spü­ren das Verlangen, doch noch ein­mal in die Stadt zu fah­ren und sich ein biß­chen im Nachtleben von Hangzhou umzu­schau­en. Unbeaufsichtigt von unse­ren freund­li­chen chi­ne­si­schen Begleitern läßt man die Nacht in einer Diskothek aus­klin­gen.
Ob nicht doch irgend ein ver­steck­tes offi­zi­el­les Auge über uns wach­te, bleibt ein Geheimnis.

Freitag, 24. Mai

Nach dem Frühstück Abfahrt zum Flughafen. Das Einchecken ver­läuft ohne Probleme. Es heißt Abschied neh­men von Hangzhou. Wolf Escher und Bao Zhen Xi (kurz:‘Bao’) über­rei­chen sich zum Andenken per­sön­li­che Geschenke. Sie sind sich sym­pa­thisch, kön­nen sich nach wie vor nicht unter­hal­ten und ver­ste­hen sich trotz­dem.

Wir sit­zen im Flieger Richtung Peking. Der Himmel über China scheint nie rich­tig auf­zu­kla­ren; dun­stig ist es vor allem über Chinas Hauptstadt. Am Flughafen wer­den wir von 2 Kleinbussen abge­holt, die uns nach Tianjin, der dritt­größ­ten Stadt Chinas, trans­por­tie­ren. Die Fahrt geht zunächst über die groß­zü­gig aus­ge­bau­te Flughafenautobahn Richtung Peking Stadtzentrum. Wir sehen eine Stadt, die mit aller Macht den wirt­schaft­li­chen Aufschwung vor­an­treibt. Riesige Hotels, Bürotürme und Bankgebäude mit spie­geln­den Fassaden las­sen den Vergleich mit west­li­chen Metropolen auf­kom­men. Werbeflächen mit Namen uns ver­trau­ter Westprodukte sind nicht zu über­se­hen. Die Verkehrsdichte ist in den letz­ten 5 Jahren sprung­haft ange­stie­gen; der inner­städ­ti­sche Straßenbau kann längst nicht mehr mit­hal­ten.

Wir haben Peking hin­ter uns gelas­sen. Die Außenbezirke sind geprägt durch mono­to­ne Architektur. Man fühlt sich an die Vorstädte Moskaus erin­nert. Vergeblich sucht man nach Häusern, die von tra­di­tio­nel­lem chi­ne­si­schen Baustil geprägt sind. Plattenbauten über­wie­gen, neue Gebäude wer­den mit Vorliebe gefliest.

Die Fahrt ist anstren­gend, die Landschaft bie­tet kaum Abwechslung. Die vier­spu­ri­ge Straße, auf der wir seit gerau­mer Zeit dahin­zockeln, ist an Monotonie kaum zu überbieten.Tianjin ist eine der wich­tig­sten Industriemetropolen Nordchinas. Wichtigster Wirtschaftszweig ist die Schwerindustrie. 48 km vom Zentrum ent­fernt liegt einer der größ­ten chi­ne­si­schen Häfen. Der Stadtrand von Tianjin wirkt noch depri­mie­ren­der als der von Peking. Der Dunst ist dich­ter, die Luft riecht nach ver­brann­ter, schwe­fel­hal­ti­ger Kohle. Wir errei­chen unser Hotel. Es ist ein rie­si­ger, wuch­ti­ger, dunk­ler Klotz, in des­sen Hotelhalle uns der sozia­li­sti­sche Muff ver­gan­ge­ner Tage ent­ge­gen­schlägt.

Ausladen, Zimmer ver­tei­len, Zou Ying hat alles im Griff. Beim Abendessen tref­fen wir mit Vertretern der Kulturbehörde zusam­men, die uns freund­lich will­kom­men hei­ßen. Wir pro­sten uns zu, - auch hier scheint alles wie­der bestens orga­ni­siert zu sein. Dieser Eindruck ver­stärkt sich, nach­dem der Geschäftsfüher nach dem Essen noch ein­ge­la­den wird, sich ein Bild von den Konzertvorbereitungen in der Tianjin Musikhalle zu machen.

Der Abend steht zur frei­en Verfügung, man sucht Zerstreuung in der hotel­ei­ge­nen Charaoke-Bar.

Samstag, 25. Mai

Wir besu­chen einen Markt, einen chi­ne­si­schen ‘Basar’. Das Orchester schwärmt aus und läßt sich diver­se Souvenirs andre­hen. Anschließend Essen in einem Selfservice Restaurant. Auch hier gibt es vor­züg­li­che chi­ne­si­sche Speisen, wobei der Unterschied zu ame­ri­ka­ni­schen fast food-Menüs ekla­tan­ter nicht sein kann.

Der für den Nachmittag vor­ge­se­he­ne Ausflug zu einem Künstlermarkt wird abge­bla­sen; die Band kann rela­xen. Die ver­gan­ge­nen Tage waren voll­ge­stopft mit Konzerten und offi­zi­el­lem Programm. Man ist froh, für ein paar Stunden auf dem Zimmer ‘abhän­gen’ zu kön­nen. Abends Aufführung in der Tianjin Musikhalle. Es ist der über­zeu­gend­ste Auftritt der Band wäh­rend der gesam­ten Tour. Die Halle ist mit 1.800 Zuschauern aus­ver­kauft. ‘Fun’ zum Schluß sorgt wie­der für aus­ge­las­se­ne Stimmung.

Das letz­te offi­zi­el­le Konzert unter chi­ne­si­scher Federführung ist gelau­fen. Man spürt die Erleichterung bei den Organisatoren. Sie haben sich mäch­tig ins Zeug gelegt, stets alles gut ‘vol­be­lei­tet’. Es wird alles in allem ein rund­um posi­ti­ver Bericht wer­den, der die höch­ste Kulturinstanz in Peking errei­chen wird, und die, die Bericht erstat­ten (müs­sen), wer­den sich des Lobes sicher sein kön­nen.

Sonntag, 26. Mai

Busfahrt nach Peking, dort Ankunft im Huada Hotel am frü­hen Nachmittag. Wir wer­den emp­fan­gen von Melanie, einer bezau­bern­den chi­ne­si­schen Studentin, die uns fort­an in Peking zur Seite ste­hen wird. Nachmittags besich­ti­gen wir, den Kaiserpalast, auch ver­bo­te­ne Stadt genannt. Die Anlage, die in ihren Ursprüngen auf die Yuan-Dynastie (1271 - 1368) zurück­geht, ließ der Yongle-Kaiser der Ming-Dynastie von 1406 bis 1420 zu sei­ner heu­ti­gen Größe erwei­tern, nach­dem er die Hauptstadt von Nanking nach Peking ver­legt hatte. Sie war 490 Jahre lang die Residenz von 24 Ming- und Quing-Kaisern. Der Palast durf­te von kei­nem nor­ma­len Sterblichen betre­ten wer­den. (vergl. Baedecker: ‘China’ S.338).

Melanie führt uns sach­kun­dig durch die ver­schie­de­nen ‘Hallen’ und Innenhöfe und erzählt uns in akzent­frei­em Deutsch Wichtiges und Wissenswertes. Nächste Station ist der Tiantan Park mit dem Himmelstempel (Tiantan) im Süden der Stadt. Es ist eine von üppi­ger Vegetation umge­be­ne Sakralanlage aus dem Jahr 1420. Die Anlage sym­bo­li­siert mit ihrem süd­li­chen recht­ecki­gen Abschnitt und dem halb­kreis­för­mi­gen nörd­li­chen Erde und Himmel. Zur Zeit der Wintersonnenwende begab sich der Kaiser im Morgengrauen hier­her, um den Himmel in einer fei­er­li­chen Zeremonie um eine rei­che Ernte zu bit­ten und Opfer dar­zu­brin­gen. (vergl. Baedecker: ‘China’ S.344).

In der weit­läu­fi­gen Anlage las­sen viele Chinesen ihre Drachen stei­gen; die Fluggeräte sind teil­wei­se so weit ent­fernt, daß sie kaum noch zu erken­nen sind. Auffallend ist der gerin­ge Anteil an Kindern unter den Besuchern. Abends fah­ren wir in einen Kultur- und Freizeitpark u.a. mit Sehenswürdigkeiten im Miniaturformat. Es gibt Abendessen mit Animation. Mädchengruppen in Folkloregewändern zie­hen sin­gend von Tisch zu Tisch. Nach jedem Lied hält ein Mädchen den Kopf eines Gastes an den Ohren fest (oder war es die Nase?), und ein ande­res flößt dem so ‘Ruhiggestellten’ Bier ein. Die Band amü­siert sich, betei­ligt sich sin­gend und tan­zend am Unterhaltungsprogramm.

Montag, 27. Mai

Auf dem Programm steht eine Fahrt zu den berühm­ten Dreizehn Ming-Gräbern, einer 40 km2 gro­ßen Grabanlage 50 km nörd­lich von Peking. Sie bil­den gleich­sam einen Monumentalfriedhof der Ming-Dynastie, in dem 13 von 16 Kaisern die­ses Geschlechts sowie die Kaiserinnen und eini­ge Nebenfrauen bei­ge­setzt sind.

Der Bus quält sich durch den Verkehr; immer wie­der stecken wir im Stau, da die nach Norden füh­ren­de Stadtautobahn nicht fer­tig ist. Es bleibt Zeit für chi­ne­si­schen Sprachunterricht mit Melanie. Didaktisch wohl durch­dacht zeigt sie auf klei­nen Täfelchen ent­spre­chen­de Schriftzeichen und erklärt über das Busmikrophon.

Die Band hat Melanie in ihr Herz geschlos­sen.

Zwischenstopp an einem Souvenirladen. Alles raus, ein­decken und wei­ter geht es. Wir besu­chen das Grab Dingling, das für Kaiser Wanli (Reg. 1572 -1620) uns seine bei­den Frauen Xiaoduan und Xiaojing errich­tet wurde. Die Ausgrabungen, die 1956 began­nen, för­der­ten einen ‘unter­ir­di­schen Palast’, ganz aus wei­ßem Mamor, zuta­ge. Es ist die ein­zi­ge Gruft, die bis­her geöff­net wurde. Ein drei­ecki­ges Tor in der ‘Diamantenwand’, die den Grabhügel umgibt, führt in die unter­ir­di­sche, 1195 m2 große Anlage, die drei Stockwerke unter der Erde liegt und aus 5 Sälen besteht. (Vergl. Baedecker)

Im Umfeld die­ser Anlage haben Händler ihre Stände auf­ge­schla­gen und bie­ten viel Plastikramsch an, dar­un­ter auch Kriegsspielzeug der übel­sten Sorte. Man hätte am lieb­sten ‘drauf­ge­tre­ten. Entsprechende Pietät im Hinblick auf die Gräber war nicht aus­zu­ma­chen.

Es ist kein wah­rer Held, wer noch nicht auf die Große Mauer gestie­gen ist’, so sagt ein chi­ne­si­sches Sprichwort. Also machen wir uns auf, als näch­stes die­ses Weltwunder zu besu­chen. Aus Furcht vor den Nachbarstaaten, vor den Hunnen und ande­ren in Nord- und Westchina ange­sie­del­ten Stämmen, lie­ßen die ein­zel­nen Herrscher an ihren Reichsgrenzen mas­si­ve Verteidigungsanlagen errich­ten. Nach der Einigung des Landes im Jahr 221 v. Chr. wur­den im Auftrag des Kaisers Qin Shi Huangdi (221 - 210 v. Chr.) die ver­schie­de­nen Befestigungswälle mit­ein­an­der ver­bun­den und so zu einer ein­zi­gen Mauer aus­ge­baut. 300.000 Soldaten und 500.000 zwangs­ver­pflich­te­te Bauern, von denen viele umka­men, arbei­te­ten meh­re­re Jahre lang an die­sem Mammutbauwerk aus Stampflehm, das nach Fertigstellung rund 5.000 km lang war. (vergl. Baedecker: ‘China’ S.185)

Wir besich­ti­gen einen der best­erhal­te­nen Mauerteile in der Nähe des Badaling-Passes, 85 km nord­west­lich von Peking, 1.000 m ü.d. Meer gele­gen. Der Wall ist in die­sem Bereich 7 bis 8 m hoch und 5 bis 6 m breit. Die Stufen sind sehr steil, man bewäl­tigt mit weni­gen Schritten einen enor­men Höhenunterschied. Imposant ist der Ausblick auf das sich wie ein Bandwurm über Berg und Tal bis zum Horizont dahin­schlän­geln­de Bauwerk.

Wir fah­ren zurück nach Peking, machen einen kur­zen Zwischenstopp in einer Emaillefabrik, wo wir die fili­gra­ne und für die Arbeiterinnen sehr ermü­den­de Herstellung wert­vol­ler chi­ne­si­scher Vasen bewun­dern kön­nen. Ganze Busladungen mit Touristen ergie­ßen sich durch die Fabrikationsräume. Die Angestellten, von denen eini­ge vor Erschöpfung auf der Tischplatte ein­ge­schla­fen sind, müs­sen sich wie im Zoo füh­len; vor allem ame­ri­ka­ni­sche Besucher, in ihrem Freizeitdress schon von wei­tem aus­zu­ma­chen, schie­ben sich teils mit Bierbüchsen in der Hand gaf­fend an der Belegschaft vor­bei. Man hat schließ­lich bezahlt, -Zurückhaltung ist nicht ange­sagt.

Die mei­sten von uns besu­chen am Abend die Peking-Oper. Sie wird in einem gro­ßen Hotel mit inte­grier­tem Aufführungsraum prä­sen­tiert. Es gibt klei­ne Knabbereien und Tee, das hält wach, - für’s erste zumin­dest. Alles ist sehr far­ben­präch­tig; die Gewänder der Darsteller sind beein­druckend, eben­so die akro­ba­ti­schen Tanzeinlagen. Es gibt kein Bühnenbild; Ort und Handlung wer­den durch die Mimik ‘her­auf­be­schwo­ren’. Kulturell auf­ge­schlos­sen, wie die Band nun ein­mal ist (man berei­ste schließ­lich alle Kontinente), ver­folgt sie tap­fer - teils mit geschlos­se­nen Augen - das bunte Treiben und lauscht den gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Klängen der chi­ne­si­schen Kapelle.

Dienstag, 28. Mai

Wir besich­ti­gen den Lama-Tempel (Yonghe Gong) im Nordosten der Stadt, fah­ren zurück in das Stadtzentrum und stei­gen am Platz des Himmlischen Friedens aus. Dieser rund 40 ha große Platz fast 1.000.000 Menschen und dürf­te somit der größ­te der Welt sein. Er ist sowohl der geo­gra­phi­sche wie der histo­ri­sche und kul­tu­rel­le Mittelpunkt Pekings. Am 4. Mai 1976 wurde eine Demonstration für den ver­stor­be­nen Ministerpräsidenten Zhou Enlai gewalt­sam nie­der­ge­schla­gen. Zur trau­ri­gen Berühmtheit gelang­te der Platz, als hier im Frühsommer 1989 die Studentendemonstration für Demokratie und gegen Pressezensur bru­tal unter­drückt wurde.
Vor und das welt­be­kann­te Postkartenmotiv: das Tor des him­li­schen Friedens, hin­ter dem sich die ver­bo­te­ne Stadt mit ihren rie­si­gen Ausmaßen ver­birgt. Auf der Mauer ein über­le­bens­gro­ßes Maoportrait. Links liegt die Halle des Volkes, in der der Nationale Volkskongress tagt. Im Bankettsaal kön­nen 5.000 Menschen zu Tisch sit­zen. Im Süden befin­det sich die Mao-Zedong-Gedenkhalle mit dem in einem Kristallsarkophag auf­be­wahr­ten Leichnam Maos. Eine end­lo­se Besucherschlange wird grup­pen­wei­se in die Halle ein­ge­las­sen.

Nicht zu über­se­hen in eini­gen hun­dert Metern Entfernung: der über­di­men­sio­na­le Schriftzug von ‘McDonald’s’.

Es ist som­mer­li­ches Wetter, die Atmosphäre auf dem Platz wirkt fried­lich und ent­spannt, hier und da stei­gen Drachen auf. Polizei patrouil­liert unauf­fäl­lig und schein­bar teil­nahms­los; zu glau­ben, hier könne man spon­tan ein Transparent ent­rol­len und für oder gegen etwas demon­strie­ren, wäre ein Trugschluß.

Nachmittags kein Programm.

Die Band teilt sich auf. Einige kau­fen ein, ande­re las­sen sich mit der Rikscha durch die Gegend fah­ren. Leitungsteam und Geschäftsführer sit­zen in einem ein­fa­chen Restaurant, essen mit Zou Yings Hilfe wie­der die lecker­sten Sachen. Dabei beob­ach­ten sie das Treiben auf der Straße und glau­ben her­aus­ge­fun­den zu haben, daß chi­ne­si­sche Menschen sich mit Haltung und einer gewis­sen Grazie durch das Leben bewegen.Am spä­ten Nachmittag wer­den wir zur deut­schen Botschaft beför­dert. Dort fin­det das letz­te Konzert vor unse­rer Abreise statt; unse­re chi­ne­si­schen Gastgeber, die sich bis­lang so auf­op­fernd um uns geküm­mert hat­ten, sind selbst­ver­ständ­lich unse­re Gäste.

Das Botschaftgebäude ist das der ehe­ma­li­gen DDR-Vertretung. Es wirkt nüch­tern und nicht gera­de ein­la­dend. So nüch­tern wie das Ambiente ist auch die Begrüßung durch die Botschaftsekretärin, einer gewis­sen Frau Frank. Weiteres Botschaftspersonal läßt sich nicht blicken.
Zur Begrüßung gibt es nichts zu trin­ken und erst recht nichts zu essen; auf Drängen der Orchesterleitung rückt Frau Frank schließ­lich mit eini­gen Flaschen Mineralwasser ‘raus.
Die Band ist kon­ster­niert, zumal sie unse­ren chi­ne­si­schen Gästen auf ‘deut­schem Boden’ gerne etwas mehr gebo­ten hätte.

Am Abend ist der Saal rap­pel­voll. Das chinesisch/deutsche Publikum ist begei­stert. In der Pause gibt es etwas Bier und Wein; wer sich nicht recht­zei­tig anstellt, geht leer aus, - kein Essen weit und breit. Unsere Chinesen bewah­ren Haltung und lächeln. Ein offi­zi­el­ler Vertreter der Botschaft oder gar der Botschafter per­sön­lich taucht nicht auf; er habe Termine, - so die Verlautbarung.

Frustrierender Abschluß einer erfolg­rei­chen Tournee!

Wir laden unse­re Gäste auf Kosten des Orchesters zum Abendessen in unser Hotel ein. Dort ist die Küche bereits geschlos­sen. Die Chinesen ergrei­fen dar­auf­hin die Initiative und bin­nen kür­ze­ster Zeit orga­ni­sie­ren sie einen Tisch für ca. 30 Personen in einem eher unschein­ba­ren Restaurant. Das Essen besteht wie immer aus zahl­rei­chen ver­schie­de­nen Speisen, so wie man es bis­her gewohnt war. An die­sem Abend hört man ver­ständ­li­cher­wei­se ‘gam­bai’ beson­ders oft, der letz­te Abend zusam­men mit unse­rer ‘Hangzhou-Abordnung’ wird gebüh­rend gefei­ert. Ende offen.

Mittwoch, 29. Mai

Transport zum Flughafen. Der Fahrer des Gepäcktransporters ver­wei­gert die Herausgabe eini­ger Koffer, da angeb­lich etwas nicht bezahlt wor­den sei. Zou Ying wird dar­auf­hin sehr ener­gisch. Das Einckecken ver­läuft auch die­ses Mal pro­blem­los. Wie schon zuvor bei der Einreise stellt sich das Orchester in alpha­be­ti­scher Reihenfolge auf, und die chi­ne­si­schen Behörden sind’s zufrie­den. Wir müs­sen uns von unse­ren Gästen ver­ab­schie­den, von Zou Ying und ihren Begleitern und von Melanie, bei der wir das Gefühl haben, sie sei schon von Anfang an dabei gewe­sen.

Die Trennung fällt allen schwer.

11:00 Uhr. Abflug mit MU 551 der China Eastern Airlines nach Brüssel. Ankunft 16:00. Das Auschecken zieht sich hin. Die Behörden haben keine Eile. Busfahrt zurück über Aachen und Köln nach Dortmund. Und dann ste­hen der Leiter und der Geschäftsführer wie­der da, wo sie vor 15 Tagen auch gestan­den haben, - auf dem Parkplatz der Dortmunder Musikschule. Dort geht gera­de eine Veranstaltung zu Ende und Kollegen fra­gen mich mit Blick auf unse­re Koffer, wo wir den her­kom­men, und ich sage: ‘Aus China!’ - oder?